Ich will nicht auf den Thron

Dieser Gang kann mir den ganzen Tag vermiesen

Keiner redet gerne darüber, was sich beim Stuhlgang abspielt, oder schlimmer noch, nicht abspielt. Wir schämen oder genieren uns. Ich mich auch! Neulich, bei Ladies Night – einer Comedy-Sendung: Eine der Entertainerinnen erzählte: Der Mann sagte „Ich habe Probleme mit dem Stuhlgang.“ Ihr Gesicht verzog sich. Darüber wollte sie kein Gespräch führen. Ihre Antwort: „Na dann guten Rutsch!“ Das Publikum lachte. Wenn es nicht rutscht, oder dauernd rutscht, gibt es nichts zu Lachen. Probleme mit dem Stuhlgang – Reizdarm, sind Beschwerden, unter denen viele Fibromyalgie-Betroffene leiden. Diese Beschwerden haben das Zeug, dir den Tag gründlich zu vermiesen.

  • Schaffe ich es, den Stuhlgang erfolgreich hinter mich zu bringen, bevor ich zu einem Termin muss?
  • Wo kann ich auf die Toilette?
  • Will ich mit den Beschwerden auf einer fremden Toilette?

Das sind nur ein paar der Fragen, die ich mir jeden Tag stelle.

„Sauber“

Ich will nicht auf den Thron! Ich bin Britin. Ich bin nicht auf Platz 2500 als Thronfolgerin. Obwohl, wer weiß? Nein um diesen Thron geht es nicht, sondern darum, wo der Kaiser zu Fuß hingeht. Zum Stuhlgang.

Bei mir fing es in frühen Jahren an. Als Kind der 60er Jahre war ich bestimmt schon vorm ersten Geburtstag „sauber“. Tatsächlich aber noch lange nicht wirklich.

Der Gang auf die Toilette bedeutete für mich Schmerzen und Pein. So drängte ich „die Wurst“ immer zurück, bis es hart wurde, ich schlimme Verstopfung hatte, und noch mehr Schmerzen. Ein Teufelskreis entstand. Außerdem schien ich häufig an Gastritis zu leiden. Heftiger Stuhldrang mit sehr weichem Stuhl oder Durchfall. Das andere Ende vom Spektrum.

Lebensmittelunverträglichkeiten

Ich vermute, dass ich in meiner Kindheit schon Lebensmittelunverträglichkeiten hatte. Wie oft schimpfte meine Mutter, weil ich so viel pupsen musste. Meine Unterhosen, waren oft nicht sauber, was sie um den Verstand brachte, weil sie peinlichst hygienisch und reinlich war. Ich kann mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, wie sie Windeln gewechselt hat.

Penizillin

Als Kind bekam ich viel Penizillin, was, wie wir heute wissen, nicht so gut für den Darm ist.

Magersucht

Mit fünfzehn hatte ich Magersucht und sehr oft gar keinen Stuhlgang. In dieser Zeit habe ich meinem Darm nichts Gutes getan. Nicht lange danach, mit 18, kam ich nach Deutschland in den Haushalt eines Kinderarztes, der bemüht war, mir zu helfen. Ich bekam jeden Tag Fruchtwürfel und andere schöne Dinge zu essen, und regelmäßig Einläufe. Es hat nicht geholfen. Abfuhrmittel nahm ich jeden Tag in schwacher Dosis. Ich wurde davon gewissermaßen abhängig. Wieder nichts Gutes für meinen Darm.

Abfuhrmittel

Wie sehr beneidete ich Menschen, die ganz gemütlich jeden Tag nach dem Frühstück auf die Toilette gingen und gar keinen Schwierigkeiten hatten. Es gab immer wieder Darmspiegelungen, die den erweiterten Darm aber keine weiteren Befunde zutage brachten. Es gab Ermahnungen von den Ärzten, keine Abführmittel zu nehmen. Ich probierte alles aus, was der Markt und meine Recherche hergaben.

Nebenwirkungen

Diverse Öle und Pülverchen, verschiedene Lebensmittel. Nichts brachte Besserung. Nach der Fibromyalgie-Diagnose bekam ich Schmerzmittel. Schmerzmittel haben viele Nebenwirkungen. Ich bekam viele davon. Nur die Schmerzen wurden nicht besser. Eine Nebenwirkung, die meinen Alltag sehr belastete, war Verstopfung. Behandlungen im Krankhaus führten fast immer zu massiver Verstopfung.

Neid und Pein

Jemand, der jeden Tag unbeschwert nach dem Frühstück aufs Klo gehen kann, kann sich wahrscheinlich nicht in diese Situation hineinversetzen.

Ich habe mich jeden Tag auf irgendeiner Art bewegt: Spazierengehen, Radfahren, Gymnastik. Heute geht manches davon nicht mehr gut, da musste ich andere Formen suchen.Bewegung

Dazu kam, dass ich manchmal ein solches Quantum produziert habe, wenn es dann doch mal klappte, dass das Klo verstopfte. Es gibt nichts Peinlicheres, als sich dafür Hilfe holen zu müssen.

„Don’t stop me now“

Es kam vor, dass ich auf dem Klo lauthals schrie, wie bei einer Geburt, und es tat fast so weh. Ich habe auch viele Methoden aus dem Schwangerschaftsvorbereitungskurs ausprobiert. Atemtechniken, Entspannungsmethoden usw. Ich sang sogar auf dem Klo: „Don´t stop me now …, wenn der Prozess anfing, und ich aber dazu neigte zu verkrampfen, weil es so schmerzte.  …cos I´m having such a good time!“ sang ich aber  nicht mehr. Beim Singen kann man nicht verkrampfen. Mein Mann öffnete die Badezimmertür und fand mich bitterlich vor Verzweiflung und Erschöpfung weinend, nachdem ich nach einer Stunde nicht fertig war.

Ernährungsumstellungen

Allerlei Ernährungsempfehlungen bin ich gefolgt.  Ohne Besserung. Seit einiger Zeit befasse ich mich selbst eingehend mit der Ernährung, und bin jetzt einigermaßen auf einem guten Weg. Durch Lichen Sclerosus, Divertikel u.a. ist mein Gang zum Klo nie unbeschwert, aber ich und mein Enddarm haben uns ein wenig angefreundet. Das ist auch gut so, denn mein Darm beeinflusst nicht nur meinen Stuhlgang, sondern vieles mehr.

Zu viel Information?

Vielleicht denken manche, Boah das wollte ich jetzt echt nicht wissen.

Ich bin nicht die Einzige, die solche Probleme hat. Laut Befragungsstudien leiden zwischen ca. 12 – 17% der deutschen Bevölkerung an einem Reizdarm.

Die Beschwerden funken merklich in meinen Alltag hinein. Ich überlege nicht nur jeden Tag, wo ich eventuell aufs Klo kann. Das Thema hält mich oft davon ab, Menschen zu besuchen, weil ich bei ihnen nicht aufs Klo will. Es hält mich davon ab, eine Reha zu machen, weil man nicht auf meine Ernährungsbedürfnisse eingeht. Ich kann mir nicht vorstellen, ein Zimmer mit jemandem zu teilen. Es ist auch sehr schwierig, wenn mein Mann ein paar Tage zur Erholung mit mir wegfahren will. Er war es übrigens, der meinte, ich solle über dieses Thema schreiben.

Henne oder Ei?

Bisher sagte man oft, Stress und die Psyche könnten den Reizdarm verursachen, neuere Studien deuten darauf hin, dass Darmbakterien die Psyche beeinflüssen können. Es ist möglich dass eine gestörte Darmflora als Ursache psychischer Störungen erkannt werden könnte. Um das eindeutig zu belegen, fehlen noch Studienergebnisse.

Denke ich an Fibromyalgie…

Denke ich an Fibromyalgie, denke ich an Schmerzen (so denken viele), aber es gibt leider so viele andere Beschwerden, die kaum Beachtung finden.

Dennoch …

In der letzten Dekade ist der Darm zum richtigen Star der Forschungsgebiete geworden. Er wird nicht mehr als notwendiges, gar ekliges Verdauungsorgan angesehen, sondern als ein Wunderwerk unseres Körpers.

Mehr dazu in der nächsten Folge.

Wo du ergänzende Informationen zum thema Reizdarm findest

Reizdarm - Was tun?

Hier kannst du  lesen welche Symptome der Reizdarm hervorruft und was du machen kannst.

Deutsche ReizdarmSelbsthilfe e.V.

Bei dieser Selbsthilfegruppe gibt es viele nützliche Informationen, Möglichkeiten an Studien teilzunehmen und Informationen über aktuelle Studien.

Fodmaps

Hier kannst du erfahren was Fodmaps sind und Ernährungsvorschläge erhalten.

"Alle Krankheiten beginnen im Darm"

Hippokrates

"Was die Lunge nicht ausscheiden kann, muss der Darm ausscheiden. Was der Darm nicht ausscheiden kann, das muss die Niere ausscheiden. Was die Niere nicht ausscheiden kann, muss die Haut ausscheiden. Was die Haut nicht ausscheiden kann, führt zum Tode."

Chinesisches Sprichtwort

"Der Darm ist das Tor zum Leben"

Asiatisches Sprichwort

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Quellen:

Valles Colomer, M. V.-C., Falony, G. F. & Darzi, Y. D. (2019, Februar 4). The neuroactive potential of the human gut microbiota in quality of life and depression. Nature Microbiology. https://www.nature.com/articles/s41564-018-0337-x

Neue Reizdarm-Studie aus Belgien: Fast 70 Prozent der Bevölkerung leiden an Durchfall, Blähungen & Co. (2019, September 19). Pressportal. https://www.presseportal.de/pm/7139/4379228

Bild: Photo by William Krause on Unsplash