Weihnachten

Same Procedure? No thank you!

 

Letztes Jahr war alles besser?

Es ist bald Weihnachten! Es ist immer noch Corona. Wie kann das sein? Meine letzte Weihnachtsbotschaft lautete ungefähr so: Wir haben dieses schlimme Jahr fast überstanden, das nächste wird besser. Und, war es das?

Es kommt wohl darauf an, wer du bist.  Die, von denen wir unseren Gaumen verwöhnen lassen; die, die uns beherbergen; die, die uns gerne live unterhalten und zum Lachen oder Weinen bringen, ächzen. Einige unsere Lieblingsplätze werden wir nicht wieder aufsuchen können. Dabei brauchen wir diese Menschen und das was sie tun.  Das gesellige Beisammensein ist Teil unserer Kultur. In eine andere Welt einzutauchen, kann uns provozieren, Balsam für die Seele sein, uns vieles über die Realität lehren. Vor allem lenkt es uns schön ab.

Ausnahmezustand = Normalzustand

Viele von uns sind jetzt mehrfach geimpft. Über das Virus wissen wir eine Menge mehr als letztes Jahr.

Mein Mann arbeitet an manchen Wochenenden als Bademeister. Er hat auch Rücken, und „muss“ regelmäßig schwimmen. Letztes Wochenende hängte er ein Schild an der Eingangstür. Die Botschaft fing so an: „Aufgrund der dauerhaft beschissenen Corona-Situation ist es so, dass Sie Erwachsene hier heute nur reindürfen, wenn…,” danach hat er alle Regeln erklärt. Dafür hat man sich bei ihm bedankt!

Ausnahmezustand ist faktisch Normalzustand geworden. Vor allem Ärzte und Pfleger, aber auch wir alle sind ausgelaugt und fertig mit den Nerven. Wir stehen vor Weihnachten mit einer wahnsinnig hohen Inzidenz und hangeln uns nur von einer Episode zur nächsten.

Manchmal ist das auch richtig – ein Schritt nach dem Anderen. „Ich bewältige diese Aufgabe in kleinen Schritten“ ist ein Mantra, das chronisch Kranke gut kennen.

 

Früher war mehr Lametta

Trotzdem. Oft habe ich den Eindruck, dass einige Mitglieder unserer Regierung nicht sehr weit vorausdenken. Es passiert aber einiges im Hintergrund, wovon wir wenig erfahren. Die Pandemie betrifft nicht nur unsere Gesundheit, sondern viele lebensnotwendige Systeme unserer Gesellschaft. Lebensmittelversorgung, Bildung u.v.m. Im Hintergrund arbeiten Organisationen wie „Die Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030“ an dem Thema: Wie wir aus der Corona Krise nachhaltig hervorgehen können. Sie denken vorwärts.

Früher war mehr Lametta, ehem ich meine  Zusammenhalt,  Zuversicht, Hoffnung. Das empfinde ich, obwohl viele schreckliche Szenen im Kopf abrufbar sind. Solche, die wir im Fernsehen oder in echt gesehen oder erlebt haben.

Am 17. April habe ich die Trauerfeier von Prinz Phillip angeschaut. Ich bin Britin und mit dem Königshaus aufgewachsen. Am folgenden Tag gab es eine repräsentative Trauerfeier für die, die bis dahin in der aufgrund einer Corona-Infektion gestorben sind. Das hat mich alles tief und nachhaltig berührt.

 

Haben wir ein Formgedächtnis?

Es gibt Materialen, die aus der Form gebracht, in ihrer ursprünglichen Form bei bestimmten Begebenheiten zurückkehren. Das uns bekannteste Beispiel sind die Haare. Kaum fällt ein Tropfen Regen, prallen die mühsam geglätteten Haare in Locken zurück.

Die Haare haben ein Formgedächtnis. Dieses Phänomen wird in der Industrie genutzt, um z.B. Stoffe zu recyclen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wir merken, dass wir eine somatische Erinnerung haben, d. h. der Körper erinnert sich an etwas. Das ist ein Bestandteil der Traumatherapie. Ist er dir in einem anderen Zusammenhang begegnet? Wenn wir einen Menschen treffen, den wir über lange Zeit nicht gesehen haben, verhalten wir uns so wie damals. Alte Muster treten wieder hervor.

Der Körper hat eine Art Formgedächtnis. Im positiven Sinne funktionieren auch Rituale so. Mein Mann ist kein Weihnachtsfan. Diese Abneigung brachte ihm sogar den Spitznamen Scrooge bei uns ein. Auf das gute Essen hingegen freut er sich. In der Vorweihnachtszeit besonders auf Stollen und Basler Leckerli. Die versuche ich nach einem Rezept seiner Mutter zu backen. Im ganzen Haus weht der Duft von Weihnachtsgewürzen. Da weiß er, es ist Zeit, den warmen Stollen aus dem Ofen zu holen. Eine kindliche Freude überkommt ihn, wenn das Rezept mir gelungen ist. So geht für ihn Weihnachten.

 

Zurückspringen

In etwa so wie das Formgedächtnis funktioniert auch die Resilienz. Was heißt Resilienz? Die Fähigkeit „zurückzuspringen“. Das bedeutet in sein Ausgangsstadium zurückzukehren, nachdem man Belastungen bearbeitet und überwunden hat.  Auf Englisch noch bildhafter– „ to bounce back!“

Resilienz war in den letzten Jahren in aller Munde, wenn es um chronische Krankheiten wie die Fibromyalgie ging. In Vorträgen wurden oft Bildern von Bäumen gezeigt. Diese Bäume hatten Sturmschäden. Sie sind danach in eine andere Richtung gewachsen, und nicht an den Schäden kaputtgegangen. Oder sie haben sich um ein Hindernis herumgewunden, um weiterzuwachsen.

Bei Menschen bedeutet Resilienz nicht nur Widerstand zu zeigen, also sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern eine Situation anzunehmen. Dann Chancen zu sehen und zu ergreifen.

Krise = Chance?

Um die Zeit letzten Jahres hatte ich das Gefühl, dass wir in der Krise Chancen sehen. Die Digitalisierung voranzubringen, neue Formen der Arbeit wie das Home-Office oder Hybrid-Arbeiten zu akzeptieren. Teilweise zu Hause und teilweise in der Firma zu sein. Dadurch auch mehr Zeit für sich und oder die Familie zu haben u.v.m.

Auch was unsere Umwelt betrifft, war ich zuversichtlicher. Wir haben erlebt, wie ruhig es am Himmel war, und wie sauber plötzlich die Flüsse waren. Wir haben gesehen, dass es was bringt zu verzichten. Dr. Florian Roth vom Frauenhofer- Institut- für-System-und-Innovationsforschung ISI, untersucht wie Kenntnisse aus der Resilienz in der Corona Krise helfen können. Sein Begriff „to bounce forward“ – vorwärtsspringen, erscheint mir passender und hilfreicher als zurückspringen.

 

vorwärts

1-2-3 Vorwärts!

 

Unsere Errungenschaften

Doch viele sehnen sich danach, wie alles vor Corona war. Unbeschwert und vor allem unbehelligt viel und billig reisen, ungehemmt konsumieren. Das ist einerseits verständlich, denn diese Möglichkeiten empfinden wir als Errungenschaft. Das leisten wir uns. Moment mal, können wir uns das leisten? Oder haben wir über das Ziel hinausgeschossen? Gerade in der Krise haben wir erlebt, dass weniger mehr sein kann.

Deshalb ist Resilienz in der Krise nicht einfach zurück in die ursprüngliche Form springen. Was gut war, behalten wir. Dann schauen wir mutig nach Vorne und verzichten dabei auf das Zuviel. Was das Zuviel ist, kann jeder für sich herausfinden.

Die Verlockung des “Davor”

Hast du dich danach gesehnt, wieder so zu sein wie früher – etwa tatkräftiger, mit mehr Energie, beweglicher? Leicht und unbeschwert am Leben teilnehmen ohne ausufernde Planung. Zurückspringen in die alte Form. Du hast sozusagen ein Formgedächtnis. Ich auch! Der Crux dabei ist – diese Sehnsucht kostet sehr viel Kraft.

Die Sehnsucht nach dem, was Dr. Roth in seiner Forschung das „Ex-Ante“-Stadium nennt – das Davor verschlingt die Kraft, die wir brauchen, um vorwärts zu springen. Mindestens im übertragenen Sinne können wir auch vorwärtsspringen.

Menschen in der Selbsthilfe

In meinem Fall bedeutet das: Ich habe durch meine Mitarbeit in der Selbsthilfe sehr viele interessante Menschen mit allerlei Krankheiten kennengelernt. Sie lassen sich nicht unterkriegen. Wir verstehen uns gegenseitig und geben uns neue Impulse. Gerade habe ich an einer Aktion teilgenommen, die Aufmerksamkeit auf seltene Krankheiten lenken soll.

Ich war eingeladen, ein Selbstportrait zu malen und ein Bild drum herum zu gestalten.

Noch nie hatte ich ein Selbstportrait gemalt und hatte keine Ahnung, wie ich das machen soll. Auf der Aktionsseite gibt es viele Anregungen. Ich habe nach langer Zeit wieder ein Bild gemalt. Ein Glücksgefühl überkam mich, es hatte richtig Spaß gemacht, etwas zu gestalten. So werden alte oder neue Fähigkeiten wieder oder überhaupt zum Leben erweckt.

Red mit mir nicht über mich

Was die Bewältigung der Corona-Krise betrifft, sieht es Dr. Roth so:Untersuchungen aus der Katastrophenforschung haben wiederholt gezeigt, dass insbesondere die Zivilgesellschaft enorme Fähigkeiten zur Selbstorganisation besitzt und wertvolle Ressourcen zur Krisenbewältigung bereitstellen kann. Entscheidend ist dabei, dass die Bürger effektiv einbezogen werden.“

Was heißt das?

Kurz gesagt: Behandelnde und Betroffene, wollen mitreden und miteinbezogen werden.

Nicht verdammt in aller Ewigkeit

Genauso sehe ich es mit einer chronischen Krankheit. Die Krankheit lässt sich nicht heilen, aber das Gefühl verdammt zu sein, lässt sich mit Hilfe anderer Menschen, die das gleiche Schicksal teilen überwinden.

Selbsthilfegruppen haben ebenso unter den Regelwirrwarr zu leiden gehabt. Ich kann jetzt dafür zoomen. Es ist nicht das Gleiche aber auf jeden Fall besser als keinen Kontakt.

Kennt Ihr das Kinderspiel Ein Hut, Ein Stock, Ein Regenschirm? Es ist eine Art Abzählreim, der aus einem mühsam empfundenen Gang ein Spiel macht. Erwachsenen können das auch. Schaut mal.

Also 1-2-3 Vorwärts…!

Dawn nachdenklich

Written by Melvarot63

Dawn ist Engländerin und, lebt seit fast 40 Jahren in Deutschland, zurzeit auf der schwäbischen Alb. Sie hat als Fremdpsrachenkorrespondentin, Übersetzerin und Export Sachbearbeiterin für einen großen Autokonzern gearbeitet. Sie hat ein Fernstudium "Autor*in werden, Schreiben lernen" abgeschlossen und ist seit vielen Jahren von der Krankheit Fibromyalgie betroffen.

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Quellen:

Roth, F. R. (2020, 23. April). Bouncing forward – Wie Erkenntnisse aus der Resilienzforschung in der Corona-Krise helfen können von Florian Roth / 23. April 2020. https://www.isi.fraunhofer.de/. Abgerufen am 6. Dezember 2021, von https://www.isi.fraunhofer.de/de/blog/2020/resilienz-corona-krise.html

Wollähnliches Material kann sich erinnern und seine Form verändern. (2020, 9. September). https://www.chemie.de/. Abgerufen am 7. Dezember 2021, von https://www.chemie.de/news/1167859/wollaehnliches-material-kann-sich-erinnern-und-seine-form-veraendern.html

 

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