Ich werde wieder wie früher, oder nicht?

Über lange Zeit dachte ich, ich werde den Schmerz besiegen; dass ich den Schlüssel finden könnte, und die Schmerzen wären weg. https://shamethepain.de/wie-gehts-uns-heute/ Ich werde gesund werden, heilen, denn ich bin stark, unnachgiebig, gründlich, und fähig. Ich glaubte, ich werde wieder wie früher – tatkräftig, spontan. Schließlich lernte ich kurz nach der Diagnose meinen Mann kennen. Er hat eine kleine Familie geheiratet, mich und meine Tochter. Ich dachte daran, was wir alles zusammenmachen werden, wenn die Schmerzen besiegt sind. Er wird in einem anderen Post darüber schreiben, wie es ist, Partner eines chronisch-kranken Menschen zu sein.

Zunächst, zornig, dann erdrückt und dann…

Es ging aber nicht nur darum, die Krankheit zu bekämpfen. Das kostete enorm Kraft und verbrauchte meine Ressourcen. Apropos Ressourcen. Kennst du die „Löffeltherie“? Sie wurde ins Leben gerufen von Christine Miserandino, die an Lupus und Fibromyalgie leidet. Sie veranschaulicht, wie sie mit ihren Ressourcen jeden Tag umgeht. Schaut mal hier. Ein Link zur deutschen Version ist am Ende des Posts. https://www.youtube.com/watch?v=jn5IBsm49Rk

Ich war ershöpft und immer noch am Boden. Ich musste erkennen, dass ich zu schnell unterwegs auf der falschen Strecke war. Die Schmerzen und alle andere Symptomen brachten mich zum Stillstand. Ich musste lernen zu akzeptieren, dass es so war. Das war ein langer Prozess. Auch jetzt noch erwische ich mich beim sinnlosen Krieg mit mir selbst. Die Schmerzen und den neuen Partner waren Wegweiser in einer anderen Richtung. Das heisst aber nicht, dass ich jetzt immer fröhlich auf meinem neuen Weg spaziere. Ich stolpere oft und falle sogar manchmal richtig hin. Aufstehen ist schwer.

Über sich lachen können

Vor zwei Jahren besuchte ich meine Kusine in England. Sie fragte mich, ob ich mit ihr zum „Restorative Yoga Class“ gehen wollte. Sie geht jede Woche zum Yoga und einmal im Monat, handelt es sich um restorativer Yoga. Ich zögerte zunächst, denn ich komme sehr schwer auf den Boden, es sei denn ich falle, und komme noch schwerer wieder hoch. Ich bin mitgegangen, und es war eine wunderbare Erfahrung. Als meine Kusine beobachtete, wie ich versuchte, vom Boden wieder hochzukommen, sagte sie: „You wouldn´t have made it in the yoga class.“ Wie ich das wusste! Neulich machte meine Physiotherapeutin einen Spaß mit mir und sagte, sie legt eine Schildkröte auf den Rücken und setzt mich daneben, und dann schauen wir wer den Wettbwerb des Aufstehens gewinnt. Die Schildkröte natürlich. Sie darf das sagen. Über sich selbst lachen können ist wirklich nötig, wenn man chronisch krank ist.

Ein anderer Umgang mit Krankheit und Tod

Elisabeth Kübler Ross schrieb das Buch „On Death and Dying“, das 1969 in den USA herausgegeben wurde. Der deutsche Titel heißt „Interviews mit Sterbenden“. Es ging ihr darum, dass der Tod wieder zum Thema wird, dass wir darüber sprechen und nicht verdrängen, so dass man auch friedlicher und ja auch fröhlicher sterben darf. Sie ist Mitbegründerin der Hospizbewegung.

In ihrem Buch ließ sie die Sterbenden zu Wort kommen. Sie beschrieb auch die Fünf Phasen, die schwerkranke Menschen durchlaufen. Warum erzähle ich von einer Person, die sich eingehend mit dem Sterben befasste? Fibromyalgie führt nicht zum Tode. Nein das tut sie nicht, aber sie verändert sehr viel in deinem Leben. Diese fünf Phasen können auf alle Arten von Verlust, Krise, und Krankheit betreffen. Allerdings sind das keine Stufen, die schematisch nacheinander kommen, die man quasi abhaken könnte. Es sind Phasen, die viele Betroffene erleben, manche Phase mehr als einmal. Manche Phasen gleichzeitig.

Die fünf Phasen der Krankheit

Habt Ihr vielleicht den Film „Das Beste zum Schluss“ gesehen, mit Jack Nicholson und Morgan Freeman? Ein toller Film vom Regisseur Rob Reiner aus 2007. Darin werden die 5 Phasen der Krankheitsbewältigung auf wunderbarer Weise dargestellt.

  • Nichtwahrhabenwollen heisst die erste Phase. Du willst es nicht wahrhaben, dass du diese Krankheit hast. So tun als wäre die Krankheit nicht da, ist die Devise. Es wird nichts geändert in deinem Leben. Ich weiß nicht, ob soviele Menschen nach einer Fibromyalgie-Diagnose diese Phase erleben. Viele sind zunächst dankbar, dass ihr Leiden einen Namen hat. Besser wäre es natürlich, wenn dieses Leiden heilbar war. Das ist vielleicht das, was wir nicht wahrhaben wollen, eine chronische Krankheit, die zwar nicht zum Tode führt, aber einem für den Rest des Lebens möglicherweise begleitet. Die Erkenntnis, dass man was hat, wofür es keine Pille gibt, damit alles wieder gut wird. Das wollen wir zunächst nicht wahrhaben. Bei Fibromyalgie sind es nicht nur wir, die Betroffenen, die es nicht wahrhaben wollen, sondern auch viele andere glauben immer wieder eine andere Erkärung für die Symptome der Fibromyalgie zu haben. In dieser Phase ist aber nicht das gemeint, sondern, was es mit uns macht, jedem Individuum.
  • Zorn heisst die zweite Phase. In dieser Phase fragst du, „Warum hat es mich getroffen?“ Darauf gibt es letztendlich nie eine Antwort. In dieser Phase bist du ärgerlich, vielleicht gereizt mit deinen Mitmenschen. „Ihr versteht nicht, was ich durchmache“. Du suchst sehr viel nach Gründen und Ursachen, und willst vielleicht jemand oder etwas dafür verantwortlich machen, dass du krank bist.
  • Verhandeln heisst die nächste Phase. Wenn du gläubig bist, verhandelst du vielleicht mit Gott, „Warum dieses Schicksal?“ Dann kommt das mit der Fahrradkette. Du versuchst doch Zusammenhänge zu finden, zwischen Geschenissen in deinem Leben und der Entstehung der Krankheit, und denkst. „Hätte ich das oder das anders machen sollen?“ Möglicherweise wird in dieser Phase besonders viel ausprobiert. Das soll entweder zu dem Erkenntnis führen, dass ich doch was anderes habe, oder ich finde doch was was heilt, „wenn ich nur….“. Du verhandelst sicherlich mit Ärzten und Therapeuten über deine Behandlung, über Medikamente. Vielleicht verhandelst du auch mit deinem Partner oder Familie.
  • Depression heisst die nächste Phase. Es geht aber nicht um die Krankheit „Depression“, sondern, wenn man das wortwörtlich versteht, dass du erdrückt bist. Du bereust vielleicht Dinge, die du nicht gemacht hast, und jetzt nicht machen kannst. Du bist traurig, du bedauerst. Hier kommt vielleicht die Erkenntnis, du wirst nicht mehr so wie du warst.
  • Akzeptanz heisst die fünfte Phase.
Du nimmst deine Krankheit an, und kämpfst nicht gegen sie an. Sie ist nicht mehr dein Feind, sondern Teil deines Lebens. Klick um zu Tweeten

Jede(r) erlebt die Phasen und seine Krankheit anders

Frau Kübler Ross hat zu großer Veränderung im Umgang mit Krankheit und Tot beigetragen, indem sie sich für ihre Patienten interessiert hat. Jede individuelle Geschichte, die der Patient zu erzählen hatte, interessierte sie.

Bei Sterbenden, werden die Phasen etwas anders erlebt, besonders zum Schluss. Letztes Jahr ist sowohl meine Mutter als auch meine Schwiegermutter gestorben und ich konnte diese Phasen teilweise beobachten. Hier versuche ich sie in Bezug auf die Krankheit zu interpretieren. Jede Phase lässt Raum für andere Interpretationen. Vielleicht kennt Ihr diese Phasen auch, oder denkt jetzt darüber nach. Wie habt Ihr oder erlebt Ihr sie?

Hier wird die Löffeltheorie auf deutsch erklärt. https://www.vdk.de/berlin-brandenburg/pages/76831/spoontheory

Photo by Damian Markutt on Unsplash